Aktuelles aus der Kirchengemeinde

Andacht

„Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ 5. Mose 30,14

 

Dein Wort ist Licht,
dein Wort ist Wahrheit,
dein Wort ist Tat,
dein Wort ist Leben.
Lehre uns hören.
Führe uns in dein Licht.
Lass uns teilhaben an deiner Wahrheit.
Ermutige uns, deinen Willen zu tun.
Schenke uns die Gnade des Lebens.

Bevor der Kosmos wird, bevor Licht und Leben, Erde, Pflanzen und Mensch werden, ist das Wort. Gott ist Wort. Gottes Wort ist schöpferisches, richtendes, heilendes, tröstendes, vernichtendes Wort. Einzig Gottes Wort ist mächtiges Wort. Unser Wort ist Gerede, ist Sprachversuch, Geräuschkulisse. Deshalb ergeht immer wieder an Gottes Volk die Aufforderung: Höre! „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Ihn, den HERRN, deinen Gott, sollst du lieb haben …“       5. Mose 6,4f

 

Einhundertfünfzehn Mal lesen wir den Imperativ „höre“ im Alten, zwölf Mal im Neuen Testament. Gott ist Wort, mächtiges Wort. Gott spricht. Sein Volk hört.

Gott spricht am Anfang, bei der Erschaffung, sein mächtiges Wort. Und es wird, was nach seinem Willen werden soll. Und es ist gut so, was wird und wie es wird.

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, greift dieses mächtige Wort noch einmal auf:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“                                                                                                                Offenbarung 21,1–5

Gottes Wort wirkt nicht nur, schafft nicht nur, richtet oder tröstet, das Wort Gottes wird Fleisch:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“                                     Johannes 1

 

Maria hat das gute Teil erwählt, als sie sich zu Füßen dieses fleischgewordenen Wortes setzt und hört. 4000, 5000 hören die Predigt, werden satt von diesem Wort. Petrus und Andreas im Fischerboot hören das Wort und beginnen einen neuen Weg. Matthäus am Zoll oder Zachäus auf dem Baum, der Dämon in dem Kranken am See – immer wieder hören Menschen dies Wort und lassen sich herausreißen aus Gewohntem, beginnen zu leben auf neue Weise.

Jerusalem will nicht hören, hält Jesu Wort für Blasphemie, für Gotteslästerung. Tötet seine Propheten, hört nicht auf Kindergeschrei, nicht auf Erdbeben und Sturm. Die Ohren der Menschen sind verschlossen.

So geschieht, was geschieht, wenn nicht gehört wird. In Jesaja 53 heißt es: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg …“

Es gibt unter uns nur eine gering ausgeprägte Kultur des Hörens.

Es heißt im Rundfunk können Hörer nur drei Minuten zuhören, dann schalten sie ab. In der Kommunikationsforschung wird gesagt, eine Kommunikationsform wie Predigt, Vortrag oder Rede hätte am wenigsten Wirkung, weil es viel zu viele Worte hat und zu wenig Bilder. Wir erleben, wie das Bild das Wort längst überholt hat.

Wir wissen aber auch, dass das Sehen von Bildern weit mehr an der Oberfläche bleibt. Das Hören ist ein tieferes, intensiveres Wahrnehmen als das Sehen.

 

Hören auf das Wort Gottes als Passion …

Es tut weh, dem Wort Gottes nicht meine Wörter entgegenzusetzen.

Es tut weh, auf mein schnelles „aber“ zu verzichten.

Es tut weh, nicht das letzte Wort zu behalten.

Es tut weh, zu schweigen.

Es tut weh, mir etwas sagen zu lassen.

Das ist das eine, was uns betrifft. Wir werden uns immer wehren gegen das Wort Gottes. Mehr oder weniger. In manchen Phasen des Lebens sind wir offener, in anderen verschlossener, in wieder anderen unansprechbar. Es ist schlicht so, dass Gott von uns verlangt, zu hören. Gottesdienst als Hörtraining. Wer intensiv hören und verstehen will, muss aus der Geräuschkulisse herausfiltern – das eine Wort aus dem Stimmengewirr, das eine Wort, das ihm gilt. Jetzt. Und dazu muss er sortieren, filtern, muss dafür sorgen, dass dieses eine Wort – selbst wenn es leise gesprochen wird – die Chance bekommt, sein Ohr zu erreichen. Über das Ohr sein Gehirn. Über das Gehirn seine Seele und sein Herz.

 

Hören auf das Wort Gottes als Passion …

Das andere gilt für Gott. „Gottes Wort als Passion“, Gottes Leidenswort, Gottes Leidensgeschichte. Wenn das Wort Tat wird, wenn das Wort Fleisch wird, geschieht so etwas wie eine Geburt.

Wenn das Wort unterdrückt wird, wenn das Wort ausgelöscht wird, wenn das Wort zum Schweigen gebracht wird, geschieht so etwas wie Tod. Gottes Wort, auf das wir hören sollen, ist – auch – unter unseren Bedingungen, in der Fremde, ein gequältes Wort.

So wie Jesus gequält wird, ist das Wort Gottes auf die verschiedensten Weisen verstümmelt, gekreuzigt, zum Verstummen gebracht, überschrien, verkauft und verraten, verschleudert und überhört worden.

Wenn Gott spricht, dann führt er kein Selbstgespräch. Er äußert sich und wird Sklave. Wird Sklave seines eigenen Wortes. Das Wort wird Knecht der eigenen Liebe.

Kann der Mensch dieses Wort ertragen?

 

Hören auf das Schweigen Gottes

Dein Schweigen ist Herrlichkeit.

Dein Schweigen ist Weite.

Dein Schweigen ist Liebe.

Dein Schweigen ist Geduld.

Lehre uns hören.

Führe uns in dein Licht.

Lass uns teilhaben an deiner Wahrheit.

Ermutige uns, deinen Willen zu tun.

Schenke uns die Gnade des Lebens.

 

Denn als alles still war und ruhte und eben Mitternacht war, fuhr dein allmächtiges Wort vom Himmel herab, vom königlichen Thron, ein harter Kriegsmann, mitten in das Land, das zugrunde gerichtet werden sollte. Er trug ein scharfes Schwert, nämlich dein unerbittliches Gebot, und trat hin und erfüllte alles mit Toten, und obwohl er auf der Erde stand, berührte er doch den Himmel.

Da erschreckten sie plötzlich grauenhafte Träume, und unversehens kam Furcht über sie, und sie lagen halbtot da, der eine hier, der andre dort.                                    Weisheit Salomos 18,14ff

 

Wie erfahren Menschen das Schweigen Gottes?

In diesen wenigen Sätzen aus dem apokryphen Buch der Weisheit Salomos, in denen poetisch, meditativ, verinnerlicht Grausames beschrieben wird, die Tötung der Erstgeborenen in Ägypten vor dem Auszug, vor der Flucht Israels – diese wenigen Sätze machen deutlich, was mit Menschen passiert, die in die Stille geraten. Vergessen wir den historischen Anlass. Vergessen wir Ägypten und die Plagen. Hören wir mit den Ohren eines Kranken auf diese Stille. Hören wir mit den Ohren eines Gejagten, eines Schuldigen, eines Suchenden, eines Verwirrten, eines Schlaflosen, eines Einsamen.

Denn als alles still war und ruhte und eben Mitternacht war, fuhr dein allmächtiges Wort vom Himmel herab, vom königlichen Thron, ein harter Kriegsmann, mitten in das Land, das zugrunde gerichtet werden sollte.

 

Wann ist die Stille in unserer lauten Welt eigentlich greifbar, fühlbar, beinahe sichtbar? Mitten in der Nacht, zwischen 3 und 4 Uhr, ruht die Welt.

 

Diese Zeit, diese Stille, bei der auch die Natur zur äußersten Ruhe kommt, der alte Tag endgültig an seinem Ende ist und der neue noch so ganz weit weg scheint, in dieser Zeit gibt es die größte Einsamkeit, in dieser Zeit gibt es prozentual die meisten Sterbefälle in Krankenhäusern.

 

Es ist die Zeit, in der der Mensch, der einsame Mensch mit aller Gewalt in die tiefste Krise gestürzt wird, in eine Leere, die ihn hinabzureißen droht. Die Freunde des alten Tages schlafen, sind weg, verloren; die Partner des neuen Tages sind noch nicht zu sehen.

Nur Stille – und ich – und vielleicht, hoffentlich Gott.

Es ist wohl so, dass wir nur noch mit äußerster Mühe – wobei die Mühe nun gerade darin besteht, sich nicht anzustrengen, loszulassen, sich nicht zu mühen –, dass wir nur »unter größter Not« vollkommene Ruhe und Stille überhaupt auf uns wirken lassen. Irgendetwas in uns flüstert, weint, schreit, klopft, zuckt.

Der ruhig fließende Atem – ein Geschenk. Das ungelenkte Hören – eine Gnade.

Wer meditiert, in welcher Form auch immer, spürt: Er ist sich selbst das größte Hindernis. Uns fehlt diese abendliche Erfahrung, die Matthias Claudius noch gekannt hat:

 

Wie ist die Welt so stille

und in der Dämmrung Hülle

so traulich und so hold

als eine stille Kammer,

wo ihr des Tages Jammer

verschlafen und vergessen sollt.

 

Wenn uns das schon einmal geschenkt ist, die Stille außen, die Ruhe vom Lärm, wenn keine Geräusche von Autos, Fensterläden und Schritten, wenn nichts von außen uns stört, dann heißt das noch lange nicht, dass wir diese Stille als eine »trauliche Kammer« erfahren. Gewohnt, in einer stetigen Geräuschkulisse zu leben, erschrecken wir.

 

So erschrickt der Mensch, wenn er plötzlich in seinem Leben auf das Schweigen Gottes stößt.

 

Es ist nicht ohne Grund, dass die Mönche in der Einsamkeit ihres Klosters nicht erst um sieben Uhr aufstehen, sondern eine Nachtwache, eine Vigil halten. Die Nacht und die Stille der Nacht galten schon immer als der Ort der Gottesferne. Gottesdienste, gemeinsames Gebet, einfach auch die schweigende Nähe eines anderen Mitbruders, ein gemeinsames Lied, eine Lesung aus der Bibel – das alles galt als Hilfe, diese Spanne zu überbrücken, bis der Tag anbricht.

 

Das Licht Christi in Wort und Gebet und Lied als Brücke über den Abgrund der Stille und der Finsternis.

 

Wem es schon möglich war, sich an stille Orte zurückzuziehen, oder wer wirklich in Meditation und beim Loslassen gesteuerter Sinne Stille gefunden hat, der hat wahrscheinlich die Erfahrung gemacht, dass in uns, in unserer Seele Abgründe verborgen sind, Qualen, »Dämonen« sagte man früher und war von der Wahrheit vielleicht gar nicht weit entfernt.

Es gibt dann auch die andere Erfahrung, die sich einstellt, wenn Gott uns gnädig ist. Elia rechnet mit einem Erdbeben, mit einem Sturm, mit einem Feuer, Gott aber begegnet ihm in einem sanften Säuseln, in der Stille. Wobei Elia Schlimmstes hinter sich hat, bis er Gott in dieser Stille begegnet. Gott begegnet uns im sound of silence.

 

Es gibt diese Nacht der ungeheuren Stille, die Nacht, in der Gott ganz weit weg erscheint, obwohl wir wissen, dass am Ende der Nacht, wenn der Morgen graut, Licht und Leben uns begrüßen. Die Osternacht. Die Nacht von Karsamstag auf Ostern.

 

Es ist nicht so, dass wir dieser Nacht mit unserem Licht beikommen. Es ist wohl auch nicht so, dass wir stark genug sind, dieses Schweigen, diese Nacht allein zu ertragen. Wir brauchen die Gemeinschaft der Heiligen, und wir brauchen das zugesprochene Wort Gottes. In solcher Nacht können wir uns die Gute Nachricht nicht mehr selbst zusprechen. Wir brauchen einen Engel. Am besten wohl viele: zwei zu deinen Häupten, zwei zu deinen Füßen … Sie müssen wirklich keine Flügel haben, nur ein wenig vom Osterlicht, auf ihre Weise.

Dass jeder von uns in Zeiten eigener Not, Gottesferne und Gottesschweigen solche Engel findet, die bei ihm wachen, darum bitte ich Gott.

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